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Die Geschichte der Dresdner Brauerschule - Teil 1

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Die ersten 40 Jahre: 1950 bis 1990

 Von Wolfgang Kunze, Dresden,

veröffentlicht im Sonderdruck zur Feier des Jubiläums des fünfzigjährigen Bestehens
der Dresdner Brauerschule am 19. und 20. Mai 2000 in der Zeitschrift „BRAUEREIFORUM“

Die Dresdner Brauerschule hat in den vergangenen fünf Jahrzehnten ihres Bestehens eine bedeutende Rolle bei der Ausbildung von Brauern und Mälzern in Deutschland gespielt. Das Jubiläum des 50-jährigen Bestehens in diesem Jahr ist eine willkommene Gelegenheit, noch einmal Rückschau zu halten auf die Entwicklung der Schule in dieser Zeit. Mein Leben ist 38 Jahre lang sehr eng mit dieser Schule verbunden gewesen. Die folgenden Ausführungen sollen zeigen, wie wir versucht haben, unter den Umständen, die in dieser Zeit herrschten, einen leistungsfähigen Stamm an Facharbeitern auszubilden.

Die Situation der Brauwirtschaft in der sowjetisch besetzten Zone unterschied sich nach dem Zweiten Weltkrieg grundsätzlich in nichts von der Situation in den anderen Zonen: viele Brauereien waren durch Bombenschäden oder Kriegseinwirkungen ganz oder teilweise zerstört, die Gebäude beschädigt oder zumindest nicht mehr in gutem Zustand. Die technische Ausrüstung der Brauereien entsprach fast überall dem Vorkriegsstand, da während des Krieges nur in geringem Maße investiert werden konnte.

In den Brauereien, die noch in der Lage waren, mit Hilfe der verbliebenen intakten Ausrüstung und Gebäude zu produzieren, begann nach umfangreichen Aufräumungsarbeiten im Laufe des Jahres 1945 eine Getränkeproduktion auf niedrigem Niveau, die sich zunächst auf die Herstellung von Fassbrause, Molkenbier und Dünnbier mit bis zu 2 % Stammwürzegehalt, später bis zu 3 %, beschränkte. Mangel an Rohstoffen und Brennmaterial sowie Zwangsabgaben an die Besatzungsmacht waren zumeist die limitierenden Faktoren.

Seit 1948 wurde der Stammwürzegehalt für die deutsche Bevölkerung auf 6 % und für die Offiziere der sowjetischen Armee und deren Familien auf 12% erhöht. Erst 1952 begannen die Brauereien mit der Herstellung von 12%igem Bier auch für die deutsche Bevölkerung. Die Statistik weist 1950 für die inzwischen zur DDR entwickelte Ostzone einen Bierausstoß von gerade mal 3,8 Mio. hl aus, der sich in den darauf folgenden fünf Jahren bis 1955 auf 11,8 Mio. hl erhöhte. Für 1960 werden in der offiziellen Statistik schließlich 218 Brauereien mit einem Gesamtbierausstoß von 13,4 Mio. hl angeführt. In der Bierherstellung wie in der Fassabfüllung wurden fast ausschließlich Brauer beschäftigt, nur in der anteilsmäßig noch gering entwickelten Flaschenfüllerei mit halbautomatischen Anlagen und Bügelverschlussflaschen, die mit der Hand verschlossen werden mussten, waren vorzugsweise Hilfskräfte eingesetzt.

 

Die Standortverteilung der Brauereien vor 50 Jahren

 

In der DDR bestand ein deutliches Standortgefälle an Brauereien von Süd nach Nord. Die meisten Braustätten waren auf Grund der historisch gewachsenen Brauertradition mit dem benachbarten Franken in Thüringen anzutreffen. Viele kleine Orte hatten hier eine oder mehrere Brauereien. Das typische Beispiel ist Steinach, eine Ortschaft von rund 6000 Einwohnern, in dem zeitweilig auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch sechs Brauereien nebeneinander existierten.

Eine Region mit hoher Brauereidichte war auch Sachsen - allerdings mit einer wesentlichen Anzahl größerer Betriebe. Hierzu zählten unter anderem die Felsenkeller-Brauerei und die Waldschlösschen-Brauerei in Dresden, die Radeberger Exportbierbrauerei in Radeberg, die beiden Wernesgrüner Brauereien, die Landskron-Brauerei in Görlitz, die Riebeckbrauerei in Leipzig und die Sternburgbrauerei in Leipzig-Lützschena. Sachsen-Anhalt konnte die Schwerpunkte Magdeburg mit drei Brauereien, Halle mit zwei Brauereien und die Brauerei Dessau aufweisen, während die anderen Brauereien mehr regionale Bedeutung hatten.

In Berlin/Brandenburg hatte nur Berlin mit seinen - zu diesem Zeitpunkt - noch 27 Braustätten absolutes Schwergewicht bei der Versorgung der geteilten Hauptstadt und ihrer Umgebung. Aber auch die alte Brauerei in Potsdam konnte - nach der zunächst nur wirtschaftlichen und später auch territorialen Abtrennung von der Hauptstadt - allein die Versorgung der Region nicht mehr voll sichern. Die drei Cottbusser Brauereien und die Eberswalder Brauerei waren, wie die Schlossbrauerei in Dessow und die Engelhard Brauerei in Rathenow, die wesentlichen Bierversorger in der Mark.

Die wenigsten Brauereien hatte Mecklenburg aufzuweisen, wo außer der Rostocker Brauerei Mahn & Ohlerich, der alten Neubrandenburger Brauerei und der Vereinsbrauerei Mecklenburgischer Wirte in Lübz nur noch die Brauerei Schall & Schwencke in Schwerin von Bedeutung waren.

 

Personalengpässe nach dem Krieg

 

Der Zweite Weltkrieg hatte natürlich auch Auswirkungen auf die Personalsituation in den Brauereien. Diese sahen sich genötigt, den inzwischen überalterten Personalbestand zu verjüngen. Somit wurden zahlreiche Lehrverträge als Brauer und Mälzer mit Jugendlichen abgeschlossen. Die theoretische Ausbildung erfolgte nebenberuflich in Städten, die über eine zumutbare verkehrstechnische Anbindung verfügten, so durch die Herren Goslich in Leipzig, Böthig in Magdeburg, Keller und

Blechschmidt in Zwickau, Willy Schmich in Dresden, Jeske in Weißensee/Thür. oder durch Horst Dreher in Ostberlin. Später versuchte man, auch das verkehrstechnisch schwierige Mecklenburg in Ludwigslust durch Braumeister Karl in einem Unterrichtsort zu erfassen. Trotzdem gab es größere Regionen, in denen keine andere Möglichkeit blieb, als die Brauerlehrlinge vor Ort zu unterrichten. Häufig wurden sie in Klassen mit Bäckern oder Fleischern zusammengelegt. Die berufstheoretische Ausbildung blieb allerdings dabei auf der Strecke und die Qualifikation des Brauernachwuchses konnte nicht mehr gewährleistet werden.

 

Eine Idee wird geboren

 

Von einigen leitenden Mitarbeitern der damaligen „Vereinigung für die Lenkung der volkseigenen Betriebe der Brauwirtschaft Südost" in Dresden und der Felsenkeller-Brauerei Dresden, allen voran den Herren Diplom-Brauerei-Ingenieur Helmut Vent und Diplom-Braumeister Armin Müller, wurde ein weit vorausschauender Plan erarbeitet, um durch eine zentrale Registrierung, Unterbringung und Ausbildung der nicht ordnungsgemäß erfassten Lehrlinge das Niveau der Brauerausbildung entscheidend zu verbessern.

Als Standort war Dresden aus mehreren Gründen geeignet: Mit den wieder produzierenden Brauereien Felsenkeller, Feldschlößchen (alt), Waldschlösschen und Falkenbrauerei in Dresden, der Radeberger Exportbierbrauerei und dem Freiberger Brauhaus bot sich eine Palette sehr unterschiedlich ausgerüsteter Brauereien an, die für die Unterstützung der Ausbildung genutzt werden konnten. Zusätzlich waren eintägige Exkursionen in die Landskron-Brauerei nach Görlitz, die Brauereien in Chemnitz und Leipzig sowie die Wernesgrüner Brauereien zur Ergänzung möglich. Dabei war eine Massierung in der Ausrüstung an Maischefiltern in den Dresdner Brauereien und im Raum bis Bautzen und Görlitz bemerkenswert, während andererseits auch interessante Läuterbottich-Bauarten vertreten waren. Bemerkenswert war außerdem die als mustergültig zu wertende Landskron-Brauerei in Görlitz mit ihren kupfernen Kühlschiffen und steriler Würzebelüftung mittels Delbag-Filter. Für Besichtigungen und Ausbildungszwecke für die Brauer bot sich der Raum Dresden daher als geradezu idealer Standort an. Aber auch mit verschieden großen Tennenmälzereien, auf denen mit Mälzerschaufel und Ackerholz gearbeitet wurde, den mechanischen Tennen-Wendern und Dreihordendarren (Brünedarre) in Niedersedlitz, den Saladinkästen und Keimtrommeln in Königs Malzfabrik und der Dresdner Malzfabrik waren alle Mälzereitypen vertreten, die durch die kleine Kretzschmarsche Han-Mälzerei in Kleinzschachwitz mit noch wenderloser Darre und die Spezialmalzfabrik in Schöna umfassend ergänzt wurden.

 

1950: die„Außenstelle Brau und Malz" wird gegründet

 

1950 setzte man dann schließlich diese Überlegungen in die Praxis um. Für die Unterbringung der Lehrgangsteilnehmer wurden freistehende Räume in dem - der Felsenkeller-Brauerei benachbarten - betriebseigenen Kulturhaus bestimmt und notdürftig ausgestattet, Oskar Pfeiffer, ein alter Brauereiarbeiter aus dem Waldschlösschen, und dessen Frau als Heimleiter eingesetzt und ein einzelner Raum im Maschinenhaus zur vorläufigen Schule erklärt. Zugleich wurden Maßnahmen ergriffen, um in absehbarer Zeit in ein gesondertes Gebäude umziehen zu können, in dem Schule und Wohnheim vereint wären. Dafür wurde der Anbau am Maschinenhaus in der (alten) Feldschlößchen-Brauerei an der Chemnitzer Straße vorgesehen und vorbereitet.

Angedacht wurden jährlich drei Vierteljahreslehrgänge zu je zwölf Wochen, die mit der theoretischen Facharbeiterprüfung enden sollten. Zugleich wurde abschließend vor einer zentralen Prüfungskommission der praktische Teil der Facharbeiterprüfung abgelegt, sodass die maximal 30 Lehrlinge den Kurs als anerkannt geprüfte Brauer und Mälzer verlassen konnten.

Natürlich mussten alle allgemeinbildenden und naturwissenschaftlichen Fächer mit unterrichtet werden. Dazu wurden Verhandlungen mit dem zuständigen Schulamt, der Abteilung Berufsbildung beim Rat der Stadt Dresden, aufgenommen und die neue „Schule" zunächst als „Außenstelle Brau und Malz" der Kommunalen Berufsschule III in Dresden, Bünaustraße, zugeordnet. Für den fachlichen Unterricht wurde zunächst Braumeister Willy Schmich verpflichtet und im April 1952 dazu ein Absolvent der VLB, der junge Diplom-Brauerei-Ingenieur Wolfgang Kunze, als Fachlehrer eingestellt, der die Schule in den folgenden 38 Jahren als Lehrer und Leiter begleiten sollte. Im September 1950 wurde der erste Lehrgang an der Schule eröffnet.

 

Der Umzug ins Feldschlößchen

 

Im Sommer 1952 zog die Schule das erste Mal um, diesmal in die noch zur Radeberger Brauerei gehörende Feldschlößchen-Brauerei in der Chemnitzer Straße 6. Das Gebäude besteht heute - saniert und renoviert - als Feldschlößchen-Stammhaus an der (nunmehr) Budapester Straße. Das Graffito über der ehemaligen Eingangstür der Schule mit Szenen aus dem theoretischen und praktischen Unterricht wie auch zur sportlichen Betätigung blieb erhalten.

Inzwischen hatte sich die Kommunale Berufsschule III Bünaustraße vom allgemein bildenden Unterricht völlig zurückgezogen, sodass der gesamte Unterricht von den beiden Lehrkräften mit erteilt werden musste. Das betraf auch den Unterricht in Deutsch und in Sport, der sich allerdings allzu oft in einem aufreibenden Fußballspiel oder Schlittschuhlaufen im Ostragehege erschöpfte.

Der gesamte Unterricht war von einem intensiven Austausch von Lehrer und Klasse geprägt und hatte dadurch einen sehr persönlichen Charakter, der sich keineswegs nur auf die reine Stoffvermittlung beschränkte. Trotzdem stand die solide fachliche Ausbildung im Vordergrund und noch heute verweist mancher - inzwischen selbst schon Rentner- auf sauber geführten Mitschriften und Zeichnungen - vorweg genommene Lehrbücher!

 

Umbenennung in „Splitterberufsschule Brau und Malz"

 

1956 hatte sich mittlerweile die Außenstelle zur selbstständigen „Splitterberufsschule Brau und Malz" etabliert. Die Bezeichnung Splitterberufsschule bezog sich nur mittelbar auf die Qualität des zusammengestoppelten Mobiliars, sondern wurde seinerzeit generell für alle Schulen eingeführt, an denen Splitterberufe unterrichtet wurden. Darunter verstand man alle Berufe, die regional nicht ordnungsgemäß in Fachklassen erfasst werden konnten. Die Lenkung dieser Berufsausbildung wurde zunehmend zentral durch das Staatssekretariat für Berufsausbildung in Berlin (Ost) in Zusammenarbeit mit den zuständigen Berufsschulen organisiert.

Mit den Lehrgängen, von denen bis 1957 insgesamt 18 durchgeführt wurden, traten Probleme auf: Zunehmend schickten Brauereien leistungsstarke Lehrlinge und auch Abiturienten, die in einer einjährigen Lehre vor dem Studium ein Maximum an Fachwissen erwerben sollten. Daneben saßen die jüngeren kleinen „Dummis" mit 8-Klassen-Abschluss aus der Holzschuhbrauerei in Dingsdorf, für die alles noch böhmische Dörfer waren. Das machte das Unterrichten nicht leichter und führte zwangsläufig zu Diskrepanzen, die gelöst werden mussten.

 

 

Keine Vierteljahreslehrgänge mehr

 

Um diese Diskrepanz zu entschärfen wurde 1957 das System der Vierteljahreslehrgänge aufgegeben und stattdessen das fachtheoretische Wissen systematisch in mehreren kürzeren Lehrgängen, verteilt über die gesamte Lehrzeit, vermittelt. Die Dauer der Lehrgänge wurde anfangs mehrfach variiert, um so die günstigste Variante zur optimalen Vermittlung der Lehrinhalte zu erzielen. Man konnte deutlich feststellen, dass die Lernbereitschaft und das Aufnahmevermögen bei Lehrgängen in mehrere Phasen zerfällt: Einer noch wenig effektiven Eingewöhnungsphase, die in Wiederholungslehrgängen häufig von einer ungeheuer „bierigen" Wiedersehensfreude begleitet wurde, schließt sich eine Phase der Umstellung von der körperlichen Arbeit im Betrieb auf konzentrierte Lernarbeit und damit der effektiven geistigen Arbeit an, während gegen Ende des Lehrganges andere Gedanken die Aufnahmefähigkeit begrenzten, die nur durch Kontrollarbeiten und ähnliche massive Aktivitäten bis zum Ende des Kurses auf Niveau gehalten werden konnten.

An der Schule wurde nur der Fachunterricht erteilt, in der übrigen Zeit besuchten die Lehrlinge die Berufsschule im Heimatort im allgemein bildenden Unterricht. Das führte allerdings zu einer Reihe von Problemen, sodass man später dazu überging, den gesamten Unterricht an der Zentralberufsschule zu erteilen, was zwangsläufig mit einem größeren Bedarf an Unterrichts- und Wohnheimkapazität verbunden war.

Der theoretische Teil der Facharbeiterprüfung wurde an der Schule abgelegt. Die Endzensuren wurden den bezirklichen Prüfungskommissionen übermittelt, die für die praktische Facharbeiterprüfung verantwortlich zeichneten.

 

Zusammenlegung mit den Molkereifachkräften

 

Im Sommer 1958 erfolgte der zweite Umzug der Schule in ein Barackengrundstück in der nahe gelegenen Kaitzer Straße 1, direkt hinter dem Hauptbahnhof. Der Grund dieses erneuten Umzuges war wirtschaftlicher Natur: In der benachbarten Hohe Straße unterhielt das Milchwirtschaftliche Institut, die spätere milchwirtschaftliche Untersuchungsanstalt (MUA), eine gleichartige Minischule zur Ausbildung von Molkereifacharbeitern und milchwirtschaftlichen Laboranten. Unterrichtet wurden diese Lehrlinge nebenberuflich durch Mitarbeiter des Institutes. Aus rein ökonomischen Gründen bot sich eine Zusammenlegung der beiden kleinen Schulen an, und für die folgenden 33 Jahre sind Milchfachleute die Partner der Brauer.

Die gemeinsame Schule hieß von nun an „Zentralberufsschule für Brauerei- und Molkereiindustrie". Die wenig elegante Bezeichnung „Splitterberufsschule" wurde durch „Zentralberufsschule" ersetzt und überall einheitlich für solche Berufsschulen benutzt, die für einen oder mehrere Berufe eine zentrale Ausbildung vornahmen. Die Zentralisierung konnte dabei für einen oder mehrere Bezirke oder, wie in diesem Fall, für die ganze DDR gelten.

 

 

 

Neue Berufe - neue Probleme

 

Sehr bald ergab sich, dass zwischen der Brau- und der Milchindustrie mehr Gemeinsamkeiten bestanden als zunächst angenommen. Das betraf sowohl technologische Themenkreise als vor allem Gemeinsamkeiten in der technischen Ausrüstung der Produktionsbetriebe sowie in Bereichen einer gemeinsamen Maschinenindustrie.

Mit dem Ausbau der Schule und der Einstellung neuer Lehrkräfte kamen zugleich weitere Berufe hinzu, die bis dahin überhaupt noch nicht in Fachklassen erfasst waren. Durch Einstellung von Herbert Federowski konnte eine versierte Fachkraft für den Unterricht der nunmehr aus der gesamten DDR hier vertretenen Berufe Weinküfer, Destillateure (hier: Spirituosenfacharbeiter) und Spiritus- und Hefefacharbeiter gewonnen werden. Da es sich um sehr kleine Berufsgruppen handelte, wurden die Spirituosenfacharbeiter gemeinsam mit den Spiritus- und Hefefacharbeitern ausgebildet, bis später die Forderung seitens der Industrie eine weitere Aufsplittung des Spiritus- und Hefefacharbeiters in die Spezialisierungen Spiritus, Backhefe, Futterhefe sowie Essig und Senf notwendig machte, die jedoch mangels Lehrlingen nicht zu den gewünschten differenzierten Klassenbildungen führte.

 

Eigene Berufe für die Flaschenfüllung entstehen

 

Mit Beginn der 60er-Jahre setzte auch in der Getränkeindustrie der damaligen DDR eine starke industrielle Entwicklung ein, insbesondere durch die Einführung leistungsstarker Abfüllanlagen. Das wiederum zwang zur Reorganisation der bisherigen Facharbeiterberufe. So wurden in den folgenden Jahren Grundberufe eingeführt, die auf der Basis einer breit angelegten Grundausbildung verschiedene Spezialisierungen anboten. So sollte es dem spezialisierten Facharbeiter dann auch möglich sein, sich im Bedarfsfall- etwa bei Betriebswechsel - disponibel innerhalb einer kurzen Zeit in eine andere Spezialisierung einarbeiten zu können. Für die Getränkeindustrie war im breit angelegten Grundlagenberuf „Facharbeiter für Anlagentechnik" auch eine Spezialisierung „Getränkeabfüllung" vorgesehen, in der in immer größerer Anzahl die Fachkräfte für die Bedienung und Wartung der Abfüllanlagen für Bier sowie alkoholfreie und andere Getränke ausgebildet wurden, die zu DDR-Zeiten aus einem sehr hohen Anteil weiblicher Kräfte bestand. In der Ausbildung der „Brauer und Mälzer" war danach nur noch die Fassfüllung, jedoch nicht mehr die Flaschenfüllung enthalten. Dabei ist zu berücksichtigen, dass bei der hohen Störanfälligkeit der Abfüllanlagen - insbesondere durch die Mängel bei den Hilfsstoffen (Passungsgenauigkeiten in den Etikettenmaßen, der Leimkonsistenz, den Kronenkorken, Flaschengrößen und -formen usw.) - der Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften groß war, die auch in der Lage sein sollten, Störungen an den Anlagen selbstständig zu beseitigen. Ausgiebige Diskussionen gab es dabei um eine mögliche schlossertechnische Ausbildung dieses Bedienerpersonals. Um auch für die Abgänger der 8. Klasse in diesem Bereich eine geeignete Ausbildung zu haben, wurden in einem eigens dafür geschaffenen Beruf „Facharbeiter für alkoholfreie Getränke" in einer zweijährigen Ausbildung Jugendliche für bestimmte Hilfsarbeiten an den Anlagen geschult.

Über die Ausbildung zum „Brauer und Mälzer" gab es ebenfalls sehr umfangreiche Diskussionen, da die fortschreitende Spezialisierung von Mälzereien und Brauereien die historische Berufsbezeichnung immer mehr in Frage stellte. Die Ausbildung in der Mälzerei fand für die Brauer in der Regel nur noch in der Theorie statt. Es blieb am Ende bei dem unbefriedigenden Kompromiss der Berufsbezeichnung Brauer/ Mälzer (hier mit Schrägstrich), aber mit einer Spezialisierung in der jeweiligen Branche. Eine intensive praktische Ausbildung im jeweils anderen Bereich entfiel. Bei den heftig und kontrovers geführten Debatten wurde auch der Gedanke diskutiert, den Brauer als Spezialisierung einem Grundberuf zuzuordnen, jedoch letztendlich mehrheitlich wieder verworfen.

 

Weiterbildung und Information - ein Problem

 

Die mit der Erweiterung und Neustrukturierung verbundenen Probleme stellten an die Lehrkräfte erhebliche Weiterbildungs- und Informationsanforderungen. Dazu kam, dass laufend moderne Unterrichtsmittel benötigt wurden, die zum Teil erst selbst erarbeitet werden mussten. Gute Unterstützung erfuhr die Schule durch die Brauereien und Mälzereien, durch Mitarbeit in Ausschüssen der Ingenieurorganisation „Kammer der Technik" und von Maschinenbaubetrieben. Beistand gab es auch von Unternehmen der Zulieferindustrie aus der damaligen BRD, wobei das zugesandte Material leider nicht immer ankam. Problematisch blieb die Information über neue Erkenntnisse und Entwicklungen aus dem Westen Deutschlands. Jahrelang erhielt die Schule halbjährlich die abgelegten Hefte der Brauwelt und Brauwissenschaft vom Fachbuchverlag, da ein eigener Bezug nicht erlaubt war. Anfang der achtziger Jahre wurde auch dies ministeriell ausdrücklich untersagt, sodass von da an nur ein jahrzehntelanger intensiver Briefverkehr mit meinem Consemester Dr. Hans Günter Schultze-Berndt, damaliger Geschäftsführer der VLB Berlin, mit unerlaubt eingetüteten Beilagen notdürftig viele Lücken schließen konnte.

In diese Zeit fällt auch die auf der Grundlage von Unterrichtserfahrungen entwickelte erste Ausgabe der „Technologie Brauer und Mälzer" auf Veranlassung durch den Volk und Wissen Verlag Berlin 1961, die schließlich im Rahmen einer Verlagsprofilierung durch den Fachbuchverlag Leipzig übernommen wurde. Im Anschluss daran entwickelt Edgar Spreer, Fachlehrer der Molkereifacharbeiter an der Schule, im gleichen Verlag eine „Technologie Milch", auch heute noch ein Erfolgsbuch in dieser Branche.

 

Das Wohnheim - ein Eldorado

 

Am neuen Standort gab es auch ein größeres Internat, das mit den Schulräumen in einem ebenerdigen Barackengebäude untergebracht war. Dieser Umstand wurde zumindest von den Lehrlingen als recht positiv empfunden, erlaubte es doch das unerlaubte Verlassen und Betreten der Räume durch das ebenerdige Fenster, ohne dass der diensthabende Erzieher ein Betreten des langen Ganges beobachten konnte. So konnte man auch zu ungebührlicher Stunde in der nahe gelegenen Hausmann'schen Gaststätte noch ein oder zwei Bier (zu je 0,50 Mark der DDR) genießen. Noch interessanter wurde von einigen die kribbelige Nähe der flotten Milchmädchen empfunden, die im anderen Gangteil wohnten. Obwohl das Betreten dieser Zimmer durch die männlichen Lehrlinge ab einer bestimmten Tageszeit unter Strafandrohung verboten war, musste durch Aufmerksamkeit der Nachtwache immer mal ein Nachtwandler aus dem Schrank oder unter dem Deckbett oder dem Bett hervorgeholt werden. Aber auch mit ungewöhnlichen Erscheinungen musste man sich auseinander setzen. So erschien eines Morgens eine Kellnerin beim Direktor und beschwerte sich darüber, dass sie nächtens bei der Heimkehr von der Arbeit im Vorbeigehen von Geistergestalten erschreckt worden sei, die aus einem Bierfass hervorkrochen und um sie herumschwirrten. Dieses Holzfass war - mit geöffneter Pforte - symbolisch für den Brauerberuf vor dem Schulgebäude aufgestellt worden. Vier Wernesgrüner Lehrlinge hatten diese ungewöhnliche Räumlichkeit für einen unerlaubten nächtlichen Skat bei Kerzenschimmer genutzt. Das wäre sicherlich unbemerkt geblieben, hätten sie nicht beim Verlassen die mitgeführten Betttücher zu einem mitternächtlichen Mummenschanz genutzt, der alles an den Tag brachte ...

Das alte Mobiliar in den überbelegten Zimmern hatte inzwischen ebenfalls das Zerfallsdatum längst überschritten. Außerdem waren die Pressspanmöbel den kräftigen Händen jugendlicher Brauer nicht in jeder Situation gewachsen. Trotz Regressforderungen musste der Hausmeister als der König vom Leimtopf, Hammer und Nagel immer wieder versuchen, dem bröckeligen Material feste Anteile abzuringen. Neubeschaffungen waren auf Jahre hinaus nicht möglich, da weder das dafür notwendige Geld noch solcherlei Mobiliar zu haben war.

Für die Betreuung der Jugendlichen waren Erzieher eingesetzt. Diese hatten den pädagogischen Auftrag zu verdeutlichen, dass Dresden nicht nur aus Kneipen bestand, sondern dass man in der

Stadt und Umgebung darüber hinaus viel mehr erleben und seine Zeit eventuell auch dazu nutzen könne, um sogar Hausaufgaben zu erledigen. Ebenso wurde über allgemeine Umgangsformen gesprochen und Dinge nachgeholt, die manches Elternhaus bis dahin versäumt hatte. Als Erzieher für diese Zeit seien hier genannt die Herren Sulga, Kümmeritz, Deutschmann und Heinrich sowie die Damen Schreier, Israel oder Maskos.

 

Das Versuchssudwerk wird installiert

 

Der Unterricht an der Schule wurde durch zahlreiche Exkursionen ergänzt. Besuche in vielen Brauereien und Mälzereien in Sachsen, Hopfenanbau- und Verarbeitungsbetrieben und anderen unterstützten diese Vorhaben, die auch von den Ausbildungsbrauereien finanziell im Umlageverfahren getragen wurden. In der DDR war die theoretische und praktische Ausbildung getrennt. Um aber eine engere Bindung zu schaffen und die Experimentierfreude zu erhöhen, wurde unter verhältnismäßig großem Aufwand ein kleines Sudwerk funktionsgerecht installiert. Die Gefäße wurden von der Brauerei Jena, die sie nicht mehr benötigte, für die nächsten 99 Jahre entliehen. Beheizt wurde die Pfanne mittels Propangas. Die Leitungen, Pumpen und Extrabehälter wurden durch eine Klempnerfirma (PGH) installiert.

Die Anlage, konnte da sie ja nicht Bestandteil des Ausbildungsplanes war, nur an den Wochenenden und auf freiwilliger Basis betrieben werden. Das Interesse dafür war jedoch sehr groß. Die Verläufe und Ergebnisse, die in einem Sudbericht einzutragen waren, wurden protokolliert und ausgewertet. Die Installation des Sudwerkes zog sich lange hin, weil durch die kleinen Leitungsquerschnitte und kleinen Pumpen immer wieder Verstopfungen auftraten.

 

Das Schulgrundstück Kaitzer Straßel bleibt ein Provisorium

 

Mit der Vergrößerung der Schule traten die schweren Mängel des Gebäudes und seiner Umgebung immer mehr zu Tage. Im benachbarten Trümmergelände - es gab auch 1960 immer noch viele Trümmergrundstücke in Dresden - wurde ein provisorischer Sportplatz gebaut und mit eigenen Kräften mühsam planiert. Viele Jugendliche, die ihre Hausaufgaben nicht oder nicht ordentlich erledigt hatten, baten dann häufig um die Erlaubnis, die schwere Planierwalze mit ziehen zu dürfen. Auch mussten die energiearmen Braunkohlenbriketts ständig mühsam eingeschaufelt werden, wozu sich unentwegt Freiwillige melden durften.

Das Schicksal des Grundstückes Kaitzer Straße 1 erfüllte sich aber mit der Baufälligkeit der Versorgungsbaracke, die die Küche und Speiseräume beherbergte, und der Notwendigkeit, weitere Klassen zu eröffnen, für die im Gebäude kein Platz mehr vorhanden war. Auch standen nicht genügend Internatsplätze zur Verfügung, sodass an einen erneuten Umzug gedacht werden musste. Trotz vieler misslicher Umstände, insbesondere bedingt durch technische Probleme, waren die sechs Jahre in der Kaitzer Straße (von 1958 bis 1964) sehr erfolgreich. Die durchaus noch überschaubare Anzahl von ständig drei Klassen und 80 Internatsplätzen und der dadurch bedingte Einsatz von nur wenigen Lehrkräften und Erziehern ermöglichte eine gute Arbeitsatmosphäre und noch ein weitgehend intaktes persönliches Verhältnis zwischen den einzelnen Partnern.

 

1964: Der dritte Umzug

 

Als neues Quartier wurde von der Schulbehörde das obere Stockwerk der Erweiterten Oberschule Dresden-Süd - heute wieder Gymnasium - in der Kantstraße 2 in Dresden-Plauen gewonnen. Das ehrwürdige große Gebäude war 1894 als Lehrerseminar gebaut worden. Während die zwei Hauptstockwerke für Unterrichtszwecke errichtet wurden, war das oberste Stockwerk in 60 bis 80 m2 große Räume geteilt, die seiner Zeit den Seminaristen als Schlaf- und Wohnräume dienten. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem der rechte obere Teil des Gebäudes durch eine Luftmine erheblich beschädigt wurde, kam das ausgebombte Internat der Dresdner Kreuzschule im oberen Stockwerk unter. In diese gerade frei gewordenen Räume zog im Sommer 1964 die Brauerschule mit einem beträchtlichen Aufwand um.

Der Empfang in der Erweiterten Oberschule war äußerst kühl, da man dort von Seiten der Leitung die Anwesenheit einer Berufsschule - noch dazu einer mit offensichtlich sehr handfesten und lauten Brauern und mit einem Internat- strikt ablehnte. So wurde zunächst im Treppenhaus des ehrwürdigen Gebäudes eine Mauer gezogen, die Personen und Geräusche jeder Art voneinander trennen sollte. Zur Ehrenrettung muss jedoch gesagt werden, dass es - besonders nach zweimaliger Veränderung in der Leitung dieser Schule- im Laufe der Jahre zu einer sehr guten Zusammenarbeit und einer Schicksalsgemeinschaft mit der EOS gekommen ist, die bis zum erneuten Umzug über 27 Jahre lang zum beiderseitigen Nutzen andauern sollte.

Mit der wachsenden Anzahl von Parallelklassen stieg der Bedarf an Fachlehrern. So kamen eine Reihe von ehemaligen Schülern, nachdem sie ihr Pädagogikstudium an der Technischen Hochschule in Dresden absolviert hatten, als Fachlehrer an die Schule zurück, so z. B. die Herren Grille, Eltzschig, Roßmann für Getränkeberufe oder Frau Roßmann und die Herren Spreer und Eichenkamp für Unterrichtung der Facharbeiter für Milchwirtschaft (vormals Molker).

 

Wir bauen um und um

 

Der Gebäudekomplex der Kantstraße war mit einer Vielzahl von baulichen Mängeln behaftet, die die Arbeit erschwerten. Da das Volksbildungswesen, dem die EOS unterstand, die Mängel nicht beseitigen konnte, war Eigeninitiative gefragt. Die folgenden Jahre waren deshalb durch ein umfangreiches Baugeschehen in und um das Haus gekennzeichnet. Als erstes wurden die riesigen Schlafräume in kleinere, etwa 20 m² große Räume getrennt. Die dünnen Leichtbauwände brachten jedoch nicht den erwünschten Erfolg und mussten durch Leichtbetonwände ersetzt werden. Die Sanitärräume mussten grundsätzlich erneuert und vergrößert werden. Neue Unterrichtsräume wurden modernisiert, die Küche, Vorratsräume und Speiseräume für die nunmehr erneut vergrößerte Schule mussten gebaut oder erweitert werden.

Nur für einen Teil der Bauarbeiten konnten die erforderlichen „Baukapazitäten" gewonnen werden, worunter man zu DDR-Zeiten einen Betrieb zu verstehen hat, der diese Arbeit und das dafür notwendige Material zugewiesen erhält. Außerdem brauchte man natürlich Geld zum Bezahlen, das als „Bilanzzuweisung" manchmal auch vorhanden war. Nur wenn beide Faktoren, Baukapazität und Bilanz übereinstimmten, ging alles rechtens über die Bühne. Geld alleine genügte zu DDR-Zeiten allerdings noch lange nicht.

In zunehmendem Maße wurden deshalb mit großem Erfolg Feierabendhandwerker und Feierabendbrigaden für diese Arbeiten gewonnen, soweit das Geld vorhanden war. Diese wurden mit abrechenbaren, gesetzlich vorgegebenen Finanzsätzen vergütet. Die Materialbeschaffung dagegen war ein abenteuerliches Kapitel für sich, dessen Inhalt den Umfang dieses Artikels bei weitem übersteigen würde ...

So wurde eine neue Trafostation errichtet, im Hof wurde das verstopfte Grundleitungsnetz erneuert und beide Innenhöfe mit Hilfe des befreundeten Autobahnkombinates betoniert. Dann wurde der Schwingboden der Turnhalle erneuert und ein neuer Sozialanbau an die Halle zuerst in den Felsen gesprengt und dann ausgebaut. Anschließend wurde der Sportplatz erneut drainiert und neu belegt. Da die Kapazitäten für den Sportunterricht beider Schulen schließlich nicht mehr ausreichten, wurde 1988 von uns auch noch eine Turnhalle im Schulpark errichtet. Umfangreiche Sanierungsarbeiten am und im Haus sollen hier nur am Rande erwähnt werden. Bei diesen Bauarbeiten standen der Schule eine Reihe von soliden Handwerkern zur Seite, die durch ihr Spezialwissen und Können entscheidend dazu beitrugen, dass das Gebäude und die Umgebung gut erhalten werden konnten.

 

Das Wohnheim ist nun im Obergeschoss

 

Schulräume und Schlafräume befanden sich nunmehr alle im Obergeschoss auf einem Gang, der von der Nachtwache, Frau Rosel Schramka, souverän beherrscht wurde. Ein Ausstieg durch das Fenster war nicht mehr möglich, obwohl männliche Bewohner des Wohngebietes mehrfach am Blitzableiter oder an der Dachrinne bis in die 12 Meter Höhe des Stockwerkes emporkletterten, um die Mädchen am Fenster zu erschrecken. Bei einer solchen Aktion stürzte allerdings auch einer ab und zog sich eine Querschnittslähmung zu – das Interesse an der Kletterei ließ daraufhin merklich nach.

Als Kostenanteil für Unterbringung und Verpflegung war gesetzlich ein unteilbarer Betrag in Höhe von 1,30 M/Tag festgelegt. Dieser musste vom Lehrling bezahlt werden, wurde aber häufig vom Ausbildungsbetrieb übernommen. Für die Vollverpflegung (früh, mittags und abends) hatte das Wohnheim dagegen einen Naturaleinsatz in Höhe von 2,45 M/Tag nachweislich auszugeben. Trotz der geringeren Lebensmittelpreise zu DDR-Zeiten war das ein Kunststück und für die Wirtschaftsleiterin und die Köchin kaum zu bewältigen. Bei einem solchen Kostensatz konnten auch zu DDR-Zeiten im Wesentlichen nur die Grundnahrungsmittel beschafft werden.

 

Gemeinsame Exkursionen - ein riesiger Spaß

 

In jedem Lehrgang wurde nach einem systematisch aufgebauten Plan für die gesamte Lehrzeit eine Fachexkursion in eine Brauerei oder Mälzerei unternommen. Die Finanzierung erfolgte durch die Ausbildungsbetriebe. Diese Aktionen stellten immer einen Höhepunkt im Lehrgang dar, da in jedem Fall eine Menge neuer Erkenntnisse vermittelt werden konnten. Auch die Rückfahrten verliefen häufig recht abwechslungsreich.

Darüber hinaus unternahmen die Lehrkräfte und Erzieher der Schule am Anfang oder Ende der Sommerferien bis 1980 eine gemeinsame Fach-Exkursion über drei oder vier Tage. Dazu wurde ein Bus gemietet und bis oben hin mit schuleigenen Zelten, Verpflegung und reichlich Bier bepackt und mit viel Stimmung „die Sau rausgelassen". Ziel der Reise waren in den meisten Fällen Brauereibetriebe in der Tschechoslowakei oder in Polen.

 

Die Bäcker und Fleischer kommen - das Haus füllt sich

 

Die Kriegs- und Nachkriegssituation, Pillenknick und Abtreibungsgesetze - alle sozialpolitischen Maßnahmen erreichen die Berufsausbildung mit 16- bis 17jähriger Verzögerung. In den späten 70er-Jahren hatten wir daher mit übervollen Klassen zu kämpfen. Das bedeutete, dass die im oberen Stockwerk zur Verfügung stehenden Internats- und Schulräume nicht mehr genügten. Schon wurde von der Erweiterten Oberschule ein Teil des ersten Stockwerkes geräumt und drei kleineren Klassen Raum geboten. 1981 wurde die Betriebsberufsschule Fleischwirtschaft wegen Baufälligkeit des Gebäudes und Schwierigkeiten in der Unterbringung der Klassen aufgelöst und die Klassen der Berufe Fleischer, Bäcker und Konditoren in die Brauerschule überführt. Damit wird die Schule, die als kleine „Dresdner Brauerschule" über Jahrzehnte immer recht vorteilhaft etwas im Schatten der Großen gestanden hatte, nun zu einer sehr großen Berufsschule, in der alle Berufe der Lebensmittelproduktion vertreten waren. Sie verlor damit auch ihren traditionellen Beinamen „Brauerei- und Molkereiindustrie" und heißt jetzt nur noch schlicht „Kommunale Berufsschule III". Sie verfügt über die vier Fachbereiche „Getränke", „Milch", „Fleisch" und „Backwaren", denen jeweils ein Fachbereichsleiter vorsteht. Bereits 1975 hatte die Schule die Bezeichnung„Zentralberufsschule" verloren und war in die Reihe der Dresdner Vier als „Kommunale Berufsschule III", aber noch mit dem Zusatz „Brauerei- und Molkereündustie" aufgenommen worden.

 

Und noch ein Wohnheim

 

Um den mit der Überführung der Fleischer-, Bäcker- und Konditorenklassen verbundenen Problemen rechtzeitig zu begegnen, wurde schon Jahre vorher mit der Planung einer neuen Schule begonnen. Als Standort war ein Freigelände auf der Gottfried-Keller-Straße festgelegt worden. Das Objekt blieb dann im Streit zwischen dem Bezirk Dresden und dem Staatssekretariat für Berufsausbildung um die erforderlichen „Baukapazitäten" und „Bilanzen" auf der Strecke, sodass man sich zumindest zu einer Notlösung durch den Neubau eines Wohnheimes entschließen musste. Dieses Wohnheim mit einer Kapazität von 180 Betten wurde in den Folgejahren auf der Gebauerstraße, etwa einen Kilometer von der Schule entfernt, errichtet. Der Bau dieses neuen Wohnheimes gehört zu den weniger guten Geschichten in der Chronik der Schule, denn die dünnen Gipswände, die die Räumlichkeiten trennten, waren den kräftigen Gesundheitshänden der Brauer in keiner Weise gewachsen und auch sonst war seine Lage inmitten eines ruhigen Wohngebietes mit Kleinkindern und alten Leuten mit wesentlich mehr Ärger als Freude verbunden. Da der Prozess der Menschwerdung bei manchen Jugendlichen in diesem Alter noch längst nicht abgeschlossen ist, musste häufig eine erzieherische Einflussnahme als erforderlich betrachtet werden und wurde auch von der Umgebung und den nahe gelegenen Gaststätten sehr begrüßt. Da die Wohnheimkapazität aber trotzdem nicht ausreichte, verblieben noch 50 Internatsplätze im Schulgebäude. Dafür musste aber der Fachbereich Milch ab 1981 in die nahe gelegene Kommunale Berufsschule IV ausgelagert werden, wo er bis zur Wende verblieb. Die Schule war nunmehr mit zwei Außenstellen „gesegnet": die Außenstelle Milch und das Wohnheim Gebauerstraße. Das machte die Zusammenarbeit nicht leichter.

 

Die Brauer und das Bier

Das Kapitel „Bier und Gaststätte" ist mit dem Brauerberuf sehr eng verbunden. Viele junge Leute, die den Beruf wählen, verkennen zunächst noch häufig, dass „zwischen viel Bier trinken" und „gutem Bier herstellen" ein großer Unterschied besteht. Das zu verdeutlichen war ein wichtiges Erziehungsanliegen, das uns in eine ungewollte ständige Partnerschaft mit den Nachbarkneipen brachte und zuweilen eine fast stehende Telefonleitung erforderte. Mit dem Umzug der Schule wechselten natürlich auch die Gaststätten von „Hausmann's" zum „Tankhäusl", weiter zum „Müllerbrunnen" und zum „Plauenschen Hof", später auch zu „Bugan's" und noch viele mehr. Da ein Glas Bier jahrzehntelang unverändert nur 50 Pfennig kostete, konnten auch weniger intelligente Menschen ihren Bargeldbestand ziemlich mühelos in die Anzahl bezahlbarer Biere umrechnen. Weiterhin gab es in dieser Zeit eine geradezu krankhafte Sammelleidenschaft für Dekor-Biergläser, die aber in nur begrenzter Anzahl den Gaststätten zur Verfügung gestellt werden konnten. Da man sie nicht kaufen konnte, wurden sie von den Sammlern kurzerhand gestohlen. Wenn das massenhaft geschah - etwa nach einer Klassen-Exkursion - fiel das natürlich auch dem kurzsichtigsten Wirt auf.

 

Die Ausbildung mausert sich

 

Bis auf wenige Jahre, in denen auch die Ostberliner Lehrlinge in Dresden erfasst wurden, blieb Ostberlin in der Ausbildung eine Enklave. In fast allen Bezirken versucht man seit etwa Mitte der 70er-Jahre verstärkt, unter Einsatz hauptamtlicher Lehrausbilder auch die berufspraktische Ausbildung zu intensivieren und entsprechend dem Ausbildungsplan durchzuführen. 1977 übernahm die Ausbildungsstätte Chemnitz auf Grund gestiegener Lehrlingszahlen sogar die eigene theoretische Ausbildung. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass nach dem Wegfall der körperlich schweren Arbeit in dem Beruf Brauer und Mälzer auch zunehmend weibliche Lehrlinge eingestellt wurden, die größtenteils später als Facharbeiter eine gute Arbeit leisteten.

In den rund drei Jahrzehnten seit Erscheinen des Lehrbuches „Technologie Brauer und Mälzer" waren inzwischen (1989) sechs Auflagen mit einem Gesamtumfang von 30 000 Exemplaren (und konstantem Buchpreis von 16,80 Mark) sowie eine Ausgabe in ungarischer Übersetzung erschienen. Auch das Lehrbuch „Technologie Milch" von Edgar Spreerwar zu diesem Zeitpunkt bereits in zweiter Auflage herausgekommen.

 

Nun die große Lebensmittelschule

 

Mit den handfesten Fleischern, aber auch mit den Bäckern und Konditoren kamen neue Probleme sowohl ins Haus als auch in die Unterrichtsgestaltung: Die Brauer und Molkereifacharbeiter haben Turnusunterricht, die Fleischer, Bäcker und Konditoren kommen zum Wochenunterricht an zwei oder drei Tagen aus ihrem Wohnort in Dresden oder der Umgebung. Mit den neuen Berufen kamen auch andere Probleme, die vorher keine Rolle gespielt hatten: Es gab jetzt auch Schulbummelanten, um die man sich kümmern musste, oder Bäckermeister, die ihre Lehrlinge vor Weihnachten oder Ostern nicht in die Schule schickten, weil deren Arbeitskraft besonders in diesen Zeiträumen benötigt wurde.

Am Ende der 80er-Jahre hatte die Schule rund 1500 Lehrlinge in vier Fachbereichen, etwa 40 Lehrkräfte und Erzieher sowie einen Bestand an rund 20 technischen Mitarbeitern. Der inzwischen erhebliche Organisations- und Arbeitsaufwand spiegelte sich auch in einer zahlenmäßig großen Schulleitung wider: dem Direktor standen vier Stellvertreter mit spezifischen Aufgabenstellungen zur Seite, zwei Heimleiter, vier Fachbereichsleiter sowie ein Instrukteur für Kultur und Sport -das sind insgesamt 12 Leitungsmitglieder!

Die Konzentration an Berufen, Klassen und Lehrkräften führte auch zu Kostenreduzierungen. Allerdings litt aber der persönliche Kontakt. Das fast individuelle Verhältnis von Lehrern, Erziehern und Lehrlingen zueinander, das die Schule über dreißig Jahre lang geprägt hatte, ging damit langsam zu Ende. In dieser Situation der Schule kam die Wende, bei der sich die ebenfalls in der Brauerausbildung tätige Berufsschule in Karlstadt bei Würzburg als erster westlicher Partner sehr kollegial und partnerschaftlich engagierte. Gegenseitige Besuche brachten wichtige Erkenntnisse und neues Verständnis. Im Frühsommer 1990 wurde Herwig Bittner, der stellvertretende Direktor der Schule, als mein designierter Nachfolger in das Amt des Schulleiters gewählt.

Zuletzt aktualisiert am Montag, dem 14. Februar 2011 um 16:15 Uhr