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2012 - Die Euro-Krise hat Roßthal erreicht

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DSC04161b"Die Euro-Krise bleibt gefährlich", "Ifo-Chef fordert Sparkurs von Athen", "Wie geht es mit dem Euro weiter?" - kaum ein Tag vergeht, ohne dass die Presse mit derartigen Schlagzeilen aufwartet. Was aber hat es auf sich mit der Euro-Krise? Droht die Inflation? Kommt bald die D-Mark zurück? Oder ist das gar der Anfang vom Ende Europas?

Viele Fragen und viele ahnungslose Gesichter bei der Frage, was das nun sei, die Euro-Krise. Da eine Frage nicht Frage sein will, sondern beantwortet, lud die Roßthaler Schülerschaft den Professor für Politikwissenschaft Dr. Werner Patzelt in unser Schulschlösschen ein, um Licht ins Dunkle zu bringen.

DSC04161aAm 4. April 2012 war es dann soweit – der Großteil der Schülerschaft nahm Platz, um zu erfahren, was da los ist in Europa und wo das überhaupt liegt, dieses Europa und ob das auch uns betreffen könnte. Eine weitere Schar Schüler verspätete sich ein wenig. Verständlich, bedenkt man, dass der strebsame Schüler vom Typ Roßthal im politischen Selbststudium schon einmal die Zeit vergisst - schließlich will man ja wissen, wo das nun liegt, dieses Europa. Nach ein paar einleitenden Worten unserer Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrerin Frau Torke ging es auch schon los. Eine Person lehnte sich gemütlich, ja setze sich fast schon, vor der versammelten Menge auf einen Tisch – allen war klar: ein Schüler konnte das nicht sein. Iimmerhin ist das Sitzen auf Tischen in der Schule verboten! Ein jeder weiß das hier. Folglich musste es sich um einen Gast handeln. Beim zweiten Blick bestätigte sich dieser Eindruck: mit Brille auf der Nase, gräulich gelocktem Haar, passend zum grauen Jacket über dem schwarzen Hemd, müsste dieser Mann schon einige Schuljahre wiederholt haben, um noch Schüler zu sein. Gemessen an der Welt ist Europa ein recht beschauliches Fleckchen Erde, doch seine Probleme sind groß. So groß, dass Herr Prof. Patzelt seinen Vortrag eröffnete, indem er die Schüler und anwesenden Lehrer bat, Fragen zu stellen. Da wie schon erwähnt, eine Frage nicht Frage bleiben will, regten sich schüchtern einzelne Hände zur Meldung. Kaum waren die Fragen in den Raum gestellt, begann Prof. Patzelt, Antworten zu liefern. Wohlgemerkt, ohne Skript oder Zettel! Ein jeder Schüler, der sich bei einem Vortag mit seinen Notizen verzettelt hat, kann sich hier noch was abschauen: ohne Zettel kein Verzetteln.

Ist die Euro-Krise wirklich eine Krise des Euros? Nein. Der Euro erfahre seit seinem Bestehen eine stete Wertsteigerung, dass der Dollar sich vor Neid zusammenrollt. Der Euro ist also nicht in Gefahr. Schön - also doch nur Panikmache der Medien. Nein, nicht ganz, den eigentlich handle es sich bei der sogenannten Euro-Krise um eine Staatsverschuldungskrise, wie uns Professor Patzelt erklärt. Als Analogie für eine Staatsverschuldung nennt der grau gelockte Herr die Aufnahme von privaten Krediten durch Familien. Eine Bank vergebe Kredite nur dann, wenn sie sich sicher sein könne, das Geld auch zurückzuerhalten. Soweit, so klar. Johannes Heesters ist sagenhafte 108 Jahre alt geworden. Deutschland als Nationalstaat ist mit seinen 152 Jahren ein wenig älter. Die Erkenntnis daraus: Staaten überdauern ein Menschenleben, sei es noch so lang. Folglich vergeben Banken gern Kredite an Staaten. Wer so lange existiert, wird schon irgendwann Geld zurückgeben können. Für die Tatsache, dass Staaten trotz der Zinsen so viel Schulden aufnehmen, hat Herr Patzelt auch einen passenden Vergleich. Da verhalte es sich, wie wenn man die Freundin oder den Freund betrüge: es gehe nur solange gut, wie es nicht auffalle. Johannes Heesters hat darüber Lieder gesungen - also über das Fremdgehen. Den Meisten seiner Fans ist es nicht vergönnt, so lange mit der Erdkugel zu rottieren, wie Johannes Heesters selbst. Sie wollen möglichst viel von der Zeit, die ihnen bleibt – und das kostet. Vor allem kostet es dem Sozialstaat Geld. Darum nehmen Staaten Kredite auf. Wer schon einmal Schulden gemacht hat weiß, sich Geld leihen ist einfacher als es zurückzugeben. Schön und gut, aber was hat das jetzt mit dem Euro zu tun? Wer schon einmal in Italien oder Griechenland im Urlaub war weiß, in so einigen Ländern Europas wird mit dem Euro gezahlt. Verschuldet sich ein Staat mehr als ein anderer, muss eine Abwertung der Währung möglichst abgewendet werden. Aus Herrn Patzelts Mund purzelte in diesem Zusammenhang das Wort Kohäsionsfond. Stopp. Hä? Was soll das jetzt? Kohäsion – der Schüler Roßthals weiß sofort Bescheid: Kohäsion meint beispielsweise die zwischenmolekulare Anziehungskraft, die unter anderem notwendig ist, um Wasser vom Erdboden über die Wurzel einer Pflanze bis zu ihren Blättern transpirieren zu lassen. Doch nicht nur Blumen wollen blühen, auch Europa. Und so gibt es derartige Zusammenhaltskräfte auch in Europa - in Form von Geld. Durch Kohäsionsfonds wird in wirtschaftlich schwächere Staaten der EU investiert, um Europa als Wirtschaftsunion zu stärken. Denn die Probleme des Einen werden schnell die des Anderen.

DSC04159bNeben der Geschichte, warum Deutschland nun Teil der Währungsunion wurde, bekam die Schülerschaft zu hören, warum Deutschland zur treibenden Kraft in der Europäischen Union wurde. Der Euro birgt Vorteile für Deutschland, auch wenn das auf den ersten Blick nicht so scheint. So bringe die Währungsunion den Vorteil mit sich, dass die fälligen Zinsen, die es zu zahlen gilt, weniger würden. Hingegen seien die Folgen eines Austritts aus dem Euro, wie er vielerorts für Griechenland diskutiert wird, unabsehbar. Prof. Patzelt mahnt: Das Beispiel der Pleite der Lehmann-Brothers in den USA untermauere diese Gefahr. Durch das Verfallen der Ansprüche der Gläubiger kam es zu unabsehbaren Folgeschäden. Das kostete Geld, viel Geld. So viel Geld, dass aus einer Bankenkrise eine Weltwirtschaftskrise wurde. Da liegt also des Pudels Kern, wenn sich der gemeine EU-Bürger die Frage stellt, warum innerhalb kürzester Zeit Millionen in Bankenrettungen gepumpt werden, während andere Haushaltsausgaben en Detail über Jahre diskutiert werden. Die Staatsverschuldungskrise meint nur die halbe Wahrheit, wenn von Euro-Krise gesprochen wird. Die Euro-Krise ist das Produkt aus der Staatsverschuldungskrise und Bankenkrise.

"Es sind Versuch und Irrtum, dem wir alles verdanken, was auf der Erde funktioniert", antwortet unser Gast-Professor auf die Frage, was nun nach der Griechenlandpleite und den fällig werdenden Bürgschaften zu tun sei. Weise Worte, die nicht nur in der Politik gelten und nicht zuletzt deshalb sehr einleuchtend klingen. Nach diesem erleuchtenden Vortrag ist nun klar, wo Europa liegt, was es mit der Euro-Krise auf sich hat und dass es uns alle etwas angeht.

Wir würden uns freuen, wenn Herr Proffesor Patzelt auch im nächsten Schuljahr bereit steht, uns komplizierte politische Zusammenhänge einfach und unterhaltsam darzulegen. Zum Abschluss überreichte Frau Torke Herrn Dr. Patzelt eine Flasche Wein. Womöglich das richtige Trostgeschenk, bedenkt man den weniger optimistischen Schlusssatz seines Vortrages: "Die richtigen Probleme sind nicht zu lösen, wie im richtigen Leben".

David L.
BiG09

Zuletzt aktualisiert am Montag, dem 18. Juni 2012 um 07:03 Uhr